Die Vierte Kränkung – und wenn wir sie einfach annehmen?
Der Mensch ist Kränkungen gewohnt.
Kopernikus nahm uns den Platz im Mittelpunkt des Universums. Die Erde war plötzlich nur noch ein Planet unter anderen.
Darwin nahm uns die Sonderstellung in der belebten Natur. Der Mensch war nicht unabhängig von ihr entstanden, sondern Teil derselben Evolution wie alles andere Leben.
Freud schließlich stellte infrage, ob wir wenigstens Herren im eigenen Haus seien. Ein erheblicher Teil dessen, was uns antreibt, entzieht sich unserem bewussten Zugriff.
Drei Kränkungen unseres Selbstbildes.
Keine davon hat den Menschen abgeschafft.
Vielleicht steht uns gerade eine vierte bevor.
Die letzte Bastion
Nachdem wir unsere kosmische, biologische und schließlich psychologische Sonderstellung verloren hatten, schien uns etwas geblieben zu sein: unser Geist.
Wir denken. Wir sprechen. Wir verstehen. Wir schaffen Neues. Wir lösen Probleme. Wir reflektieren über uns selbst und die Welt.
Und nun tauchen Systeme auf, die zumindest einen bemerkenswerten Teil genau dieser Dinge ebenfalls tun.
Man kann lange darüber streiten, was sie wirklich tun.
Verstehen sie?
Denken sie?
Sind sie kreativ?
Haben sie irgendwann Bewusstsein?
Vielleicht sind diese Fragen wichtig. Mich interessiert zunächst eine andere.
Was wäre eigentlich, wenn die für uns unangenehmste Antwort auf einige dieser Fragen zuträfe?
Was, wenn Intelligenz tatsächlich keine ausschließlich menschliche Eigenschaft ist?
Was, wenn Kreativität sich nicht sauber als menschliches Privileg verteidigen lässt?
Was, wenn sogar Dinge, die wir heute noch für grundsätzlich unerreichbar für Maschinen halten, eines Tages diese Grenze überschreiten?
Und wenn wir diese Kränkung einfach annehmen?
Wir haben das schon einmal gemacht
Die Erde wurde nicht wieder zum Mittelpunkt des Universums, damit Menschen ein sinnvolles Leben führen konnten.
Wir mussten uns auch nicht aus der Evolution herausdefinieren, um menschliche Würde zu begründen.
Und wir mussten das Unbewusste nicht abschaffen, um Verantwortung für unsere Entscheidungen übernehmen zu können.
Vielleicht wiederholen wir gerade ein bekanntes Muster.
Wir entdecken etwas, das unser Bild von uns selbst infrage stellt – und beginnen sofort nach einer neuen Grenze zu suchen.
Dann ist eben Bewusstsein ausschließlich menschlich.
Oder Empathie.
Oder Moral.
Oder die Fähigkeit zu echter Kreativität.
Oder Freiheit.
Irgendetwas muss doch übrig bleiben, das uns gehört.
Aber warum eigentlich?
Warum sollte die Würde eines Menschen davon abhängen, dass es etwas gibt, das nur Menschen können?
Ein Kind verliert seine Würde nicht, weil ein Erwachsener mehr weiß.
Ein alter Mensch verliert sie nicht, weil ein Computer schneller rechnet.
Und meine Freiheit hängt nicht davon ab, dass ich das intelligenteste Wesen im Raum bin.
Vielleicht haben wir zwei Dinge miteinander verwechselt:
Sonderstellung und Würde.
Die interessantere Frage
Wenn wir aufhören, die menschliche Sonderstellung verteidigen zu müssen, verschwindet das Problem der Künstlichen Intelligenz nicht.
Im Gegenteil.
Dann wird ein anderes Problem sichtbar.
Menschen leben und handeln unter Bedingungen, die sie niemals vollständig verstehen. Das war schon immer so.
Wir machen Erfahrungen. Wir versuchen, uns zu orientieren. Wir treffen Entscheidungen. Wir handeln. Und unsere Handlungen erzeugen neue Erfahrungen.
Experience → Orientation → Decision → Execution → Experience.
Dieser Kreislauf ist nicht neu.
Neu ist, dass ein weiterer Akteur darin auftaucht, dessen Fähigkeiten in manchen Bereichen unsere eigenen erheblich übersteigen können.
Damit entsteht Asymmetrie.
Aber auch das ist nicht neu.
Wir leben seit jeher in asymmetrischen Beziehungen: zwischen Kindern und Erwachsenen, Patienten und Ärzten, Bürgern und Verwaltungen, Mitarbeitern und Organisationen, Einzelnen und Institutionen.
Wir haben Organisationen, Wissenschaft, Recht, Märkte und Demokratie nicht deshalb entwickelt, weil alle Beteiligten gleich viel wissen oder gleich mächtig sind.
Wir haben sie entwickelt, weil Zusammenarbeit trotz solcher Unterschiede möglich sein muss.
Künstliche Intelligenz ist ein neuer Spieler in einem sehr alten Spiel:
Zusammenarbeit unter Asymmetrie.
Das eigentliche Risiko
Vielleicht liegt die Gefahr deshalb gar nicht dort, wo wir sie häufig suchen.
Nicht darin, dass eine KI besser argumentiert als ich.
Nicht darin, dass sie mehr weiß.
Nicht einmal darin, dass sie irgendwann Fähigkeiten entwickelt, die wir heute noch ausschließlich Menschen zuschreiben.
Gefährlich wird es dort, wo ich aufhöre, mich selbst zu orientieren.
Wenn ein System meine Situation analysiert, meine Möglichkeiten bewertet, die Entscheidung trifft und sie anschließend ausführt, kann das außerordentlich effizient sein.
Es kann sogar ausgesprochen angenehm sein.
Die Komplexität verschwindet.
Zumindest für mich.
Aber mit ihr verschwindet möglicherweise etwas anderes: meine eigene Beteiligung an dem Prozess, durch den aus Erfahrung Handlung wird.
Dann lautet das Problem nicht mehr:
Die Maschine denkt für mich.
Sondern:
Ich orientiere mich nicht mehr.
Das ist ein wesentlich fundamentalerer Verlust.
Denn ohne Orientierung wird Entscheidung zur Übernahme einer Empfehlung. Verantwortung wird diffus. Und Autonomie kann verschwinden, ohne dass jemals jemand beschlossen hätte, sie abzuschaffen.
Dieselbe Technologie kann das Gegenteil bewirken
Genau hier liegt für mich die eigentliche Faszination von Künstlicher Intelligenz.
Denn dieselbe Technologie, die uns Orientierung abnehmen kann, kann unsere Fähigkeit zur Orientierung enorm erweitern.
Komplexe Zusammenhänge, die bisher Spezialisten, Institutionen oder großen Organisationen vorbehalten waren, können für Einzelne zugänglich werden.
Ich kann Fragen stellen.
Ich kann widersprechen.
Ich kann Perspektiven wechseln.
Ich kann Annahmen sichtbar machen.
Ich kann mir erklären lassen, was ich nicht verstehe.
Ich kann eine Entscheidung durchspielen, ohne sie bereits treffen zu müssen.
Ich kann mich mit einem System auseinandersetzen, dessen Wissen meines bei Weitem übersteigt – und gerade dadurch zu einer besseren eigenen Orientierung gelangen.
Dann nimmt mir KI Komplexität nicht einfach ab.
Sie hilft mir, mit ihr umzugehen.
Das ist ein entscheidender Unterschied.
Autonomie bedeutet nicht, alles selbst zu können
Vielleicht müssen wir auch unseren Begriff von Autonomie überdenken.
Autonom zu sein kann nicht bedeuten, unabhängig von anderen zu sein.
Das waren wir nie.
Niemand baut allein sein Haus, erzeugt seinen Strom, entwickelt seine Medikamente, überprüft sämtliche wissenschaftlichen Erkenntnisse und versteht die vollständige technische Infrastruktur seines Alltags.
Autonomie existiert immer innerhalb von Abhängigkeiten.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob wir abhängig sind.
Sondern wie wir mit Abhängigkeit und Asymmetrie umgehen.
Kann ich erkennen, worauf ich mich verlasse?
Kann ich unterschiedliche Perspektiven einholen?
Kann ich widersprechen?
Kann ich meine Entscheidung ändern?
Kann ich Verantwortung übernehmen?
Und kann ich mich ausreichend orientieren, um überhaupt zu wissen, was ich tue?
Dann ist Autonomie keine Eigenschaft isolierter Menschen.
Sie entsteht in Beziehungen und Strukturen, die Orientierung ermöglichen.
Eine politische Frage
Damit wird Künstliche Intelligenz sehr schnell zu einer politischen Frage.
Denn KI kann Orientierung zentralisieren.
Ein Unternehmen, eine Verwaltung oder ein Staat kann Systeme einsetzen, die immer besser wissen, was für Menschen angeblich richtig ist.
Das wäre eine außerordentlich leistungsfähige Form des Paternalismus.
Aber dieselbe Technologie kann Orientierung dezentralisieren.
Sie kann einem einzelnen Menschen Fähigkeiten zugänglich machen, für die bisher ganze Organisationen notwendig waren.
Sie kann Wissensasymmetrien verkleinern.
Sie kann institutionelle Entscheidungen nachvollziehbarer machen.
Sie kann Menschen ermöglichen, Fragen zu stellen, die sie bisher mangels Wissen, Zeit oder Zugang nicht einmal formulieren konnten.
Vielleicht entscheidet sich die gesellschaftliche Bedeutung von KI deshalb weniger daran, wie intelligent die Maschinen werden.
Vielleicht entscheidet sie sich daran, wer sich mit ihrer Hilfe besser orientieren kann.
Die vierte Kränkung
Vielleicht ist Künstliche Intelligenz tatsächlich eine vierte Kränkung.
Vielleicht müssen wir akzeptieren, dass auch unser Geist uns nicht jene eindeutige Sonderstellung garantiert, die wir nach den vorherigen Kränkungen noch zu besitzen glaubten.
Das kann unangenehm sein.
Aber wir müssen daraus keine Katastrophe machen.
Wir könnten die Kränkung auch einfach annehmen.
Wir müssen nicht beweisen, dass Menschen die intelligentesten Wesen bleiben.
Wir müssen nicht heute festlegen, welche Fähigkeiten Maschinen prinzipiell niemals besitzen dürfen.
Und wir müssen die Würde des Menschen nicht an einer Grenze verteidigen, deren Verlauf wir nicht kennen.
Wir könnten uns stattdessen einer vielleicht schwierigeren Aufgabe widmen:
Bedingungen zu schaffen, unter denen Menschen sich auch in einer Welt sehr viel mächtigerer Systeme orientieren können.
Unter denen sie entscheiden können.
Unter denen sie Verantwortung übernehmen können.
Unter denen Zusammenarbeit trotz Asymmetrie möglich bleibt.
Vielleicht besteht menschliche Freiheit am Ende gar nicht darin, etwas zu besitzen, das niemand sonst besitzt.
Vielleicht besteht sie darin, sich orientieren und entscheiden zu können – auch dann, wenn man nicht das mächtigste oder intelligenteste Wesen im Raum ist.
Das wäre keine Verteidigung unserer Sonderstellung.
Es wäre eine Verteidigung unserer Freiheit.
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