Orientierungsrekonstruktion 009
Handlungsfähigkeit ohne Klärung
Stand: 03.09.2026 · 06:30 Uhr
Seit dem letzten Eintrag ist keine formale Klärung des beobachteten Konflikts erkennbar. Auf ein gemeinsames Gesprächsersuchen mehrerer lokaler Gliederungen liegt weiterhin keine offizielle Antwort vor.
Gleichzeitig hat sich die Situation verändert.
Eine lokale Gliederung beginnt, andere lokale Gliederungen unmittelbar zum Austausch von Erfahrungen, Kontakten, Vorlagen und weiteren Ressourcen einzuladen. Wissen, das bisher jeweils lokal vorhanden war, soll gegenseitig verfügbar gemacht werden. Auch konkrete Unterstützung wird über die Grenzen der eigenen Gliederung hinaus angeboten.
Parallel dazu kündigt die mittlere Gliederung im Zusammenhang mit einer ohnehin stattfindenden Veranstaltung ein Gespräch mit einem Vertreter einer höheren Ebene an. Dabei soll nicht nur informiert werden; ausdrücklich sollen auch Erfahrungen, Anliegen und Herausforderungen aus den lokalen Gliederungen eingebracht werden können.
Einer der Beteiligten begrüßt diese Gesprächsmöglichkeit, unterscheidet sie jedoch ausdrücklich von dem weiterhin unbeantworteten gemeinsamen Gesprächsersuchen. Zugleich fragt er nach einer Möglichkeit, unabhängig von der übrigen Veranstaltung an dem Gespräch teilzunehmen.
Was hat sich verändert?
In den vorangegangenen Rekonstruktionen erschien ein wesentlicher Teil des Problems als vertikale Kommunikationsstörung: Lokale und mittlere Gliederungen orientierten sich unterschiedlich, Kommunikation führte nicht zuverlässig zu gemeinsamer Orientierung, und weiteres Kommunizieren versprach schließlich keinen erkennbaren zusätzlichen Erkenntnisgewinn.
Die aktuelle Beobachtung erweitert dieses Bild.
Der vertikale Konflikt ist nicht erkennbar gelöst. Trotzdem entsteht neue Handlungsfähigkeit.
Lokale Gliederungen beginnen, ihre Beziehungen untereinander stärker zu nutzen. Informationen und Ressourcen müssen nicht notwendig den Weg über die mittlere Gliederung nehmen. Gleichzeitig entsteht vertikal eine neue Gesprächsmöglichkeit, ohne dass die bisher offene Kommunikation formal abgeschlossen worden wäre.
Damit erweist sich eine bisher naheliegende Vorstellung als möglicherweise zu eng: Handlungsfähigkeit muss nicht darauf warten, dass der ursprüngliche Konflikt geklärt wird.
Sie kann auch um einen ungeklärten Konflikt herum entstehen.
Horizontal und vertikal
Diese Unterscheidung verändert die Orientierung.
Vertikal bleibt eine wesentliche Frage offen: Wie reagiert die Organisation auf das gemeinsame Anliegen mehrerer lokaler Gliederungen?
Horizontal entsteht dagegen etwas, das diese Antwort zunächst nicht benötigt: lokale Gliederungen können Erfahrungen teilen, Ressourcen zugänglich machen und voneinander lernen.
Beides geschieht gleichzeitig.
Die horizontale Entwicklung muss deshalb weder als Opposition gegen die mittlere Ebene noch als Ersatz für eine vertikale Klärung verstanden werden. Ebenso wenig lässt sich aus dem neuen Gesprächsangebot bereits schließen, dass sich die vertikale Kommunikation grundsätzlich verändert hat.
Beobachtbar ist zunächst nur, dass der verfügbare Handlungsraum größer geworden ist.
Denkbare Modelle
Die neuen Beobachtungen lassen unterschiedliche Rekonstruktionen zu.
Modell A – strukturelle Öffnung
Die vorausgegangenen Irritationen beginnen innerhalb der Organisation Wirkung zu entfalten. Neue Gesprächsmöglichkeiten und ein stärkerer Austausch sind erste Anzeichen einer strukturellen Öffnung. Eine formale Reaktion steht lediglich noch aus.
Modell B – horizontale Selbstorganisation
Die vertikale Kommunikationsstörung besteht fort. Gerade weil eine Klärung ausbleibt, beginnen lokale Gliederungen, Handlungsfähigkeit untereinander herzustellen. Die horizontale Vernetzung reduziert ihre Abhängigkeit von vertikaler Vermittlung.
Modell C – informelle Anpassung
Die Organisation reagiert praktisch, ohne den ursprünglichen Konflikt formal zu bearbeiten. Neue Gespräche und Kooperationen ermöglichen Bewegung, während Fragen nach Zuständigkeit, Verantwortung und der ausstehenden Antwort ungeklärt bleiben.
Modell D – unabhängige Entwicklungen
Die zeitliche Nähe erzeugt möglicherweise einen Zusammenhang, der nicht existiert. Horizontaler Austausch, das neue Gesprächsangebot und die weiterhin fehlende offizielle Reaktion können voneinander unabhängige Vorgänge sein.
Modell E – Veränderung durch Selbstorganisation
Die horizontale Selbstorganisation ist nicht lediglich eine Reaktion innerhalb einer unveränderten Struktur. Sie verändert diese Struktur selbst. Wenn lokale Gliederungen Wissen und Ressourcen unmittelbar austauschen können, verändert sich ihre Handlungsfähigkeit – unabhängig davon, ob die vertikalen Ebenen ihr Verhalten ändern.
Die vorliegenden Beobachtungen erlauben keine Entscheidung zwischen diesen Modellen. Mehrere können zugleich zutreffen.
Neuer Orientierungsstand
Die fehlende formale Antwort ist damit nicht bedeutungslos geworden. Im Gegenteil: Gerade weil sie weiterhin fehlt, lässt sich feststellen, dass die neu beobachtete Handlungsfähigkeit nicht das Ergebnis einer bereits erfolgten formalen Klärung sein kann.
Das verändert die bisherige Orientierung.
Ein ungelöster vertikaler Konflikt bedeutet nicht notwendig Stillstand. Neben der vertikalen Struktur können horizontale Beziehungen handlungsrelevant werden. Gleichzeitig können neue vertikale Kommunikationsmöglichkeiten entstehen, ohne dass damit bereits geklärt wäre, ob die zugrunde liegende Kommunikationsstörung bearbeitet wurde.
Für die weitere Beobachtung wird deshalb weniger entscheidend sein, ob einzelne Aktivitäten als Erfolg oder Reaktion interpretiert werden können. Interessanter ist, ob die neu sichtbare Handlungsfähigkeit Bestand hat – und ob horizontale Selbstorganisation und vertikale Kommunikation voneinander unabhängig bleiben, sich gegenseitig verstärken oder erneut in Konflikt geraten.
Die weitere Entwicklung bleibt offen.
Kommentare
Kommentar schreiben