Portrait von Dieter Szegedi

Dieter Szegedi

Klarheit, Struktur und Entscheidungen im Kontext von KI und komplexen Systemen

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Brauchen wir wahre Modelle – oder gute Orientierung?

Eine Rekonstruktion einer Irritation beim Anhören eines Gesprächs von Gert Scobel mit Ulrich Ott

Ausgangspunkt dieses Textes ist das Gespräch “Meditation verändert dein Gehirn – und kann dein Ich auflösen” von Gert Scobel mit dem Meditationsforscher Ulrich Ott.

YouTube: https://youtu.be/gUXxb8UbYmU

Ich empfehle ausdrücklich, das Gespräch selbst anzuhören. Dieser Text versteht sich weder als Zusammenfassung noch als Kritik, sondern als Rekonstruktion einer Irritation, die beim Zuhören entstanden ist.


Eine unerwartete Irritation

Nach etwa fünfzehn Minuten musste ich das Video unterbrechen.

Nicht, weil ich dem Gespräch widersprochen hätte.

Im Gegenteil.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich den Eindruck, dass viele Gedanken über Predictive Processing, Modelle und Wahrnehmung sehr gut zu meiner eigenen Arbeitsweise passen.

Dann fiel ein Satz, der mich innehalten ließ.

Sinngemäß entstand bei mir folgendes Bild:

Mir wurde plötzlich klar, dass ich selbst inzwischen nicht mehr so denke.


Der Säbelzahntiger

Nehmen wir das klassische Beispiel.

Ein Mensch hört ein Geräusch im Gebüsch.

Er entwickelt ein Modell:

“Dort könnte ein Säbelzahntiger sein.”

Ist dieses Modell wahr?

Ich weiß es nicht.

Vielleicht sitzt dort tatsächlich ein Säbelzahntiger.

Vielleicht nur der Wind.

Vielleicht ein Reh.

Für mein Handeln spielt diese Frage zunächst überraschend wenig Rolle.

Die eigentliche Frage lautet:

Hilft mir dieses Modell, mich in der Situation zuverlässig zu orientieren?

Wenn ja, erfüllt es bereits seinen Zweck.

Es muss dafür weder vollständig noch endgültig wahr sein.


Warum mich der Wahrheitsbegriff irritiert

Ich habe den Eindruck, dass wir Menschen sehr gerne nach der Wahrheit suchen.

Daran ist nichts auszusetzen.

Problematisch wird es für mich erst dann, wenn Wahrheit zum eigentlichen Qualitätsmaßstab eines Modells wird.

Denn Modelle sind Werkzeuge.

Werkzeuge lassen sich aus meiner Sicht sinnvoller nach ihrer Nützlichkeit beurteilen als nach ihrer Wahrheit.

Ein Hammer ist kein guter Hammer, weil er “wahr” ist.

Er ist gut, wenn er seinen Zweck erfüllt.

Für Modelle scheint mir etwas Ähnliches zu gelten.


Orientierung statt Wahrheit

In den vergangenen Monaten habe ich begonnen, meine eigene Arbeitsweise immer deutlicher zu rekonstruieren.

Dabei entstand folgende Orientierungskette:

Experience → Orientation → Decision → Execution → Experience

Diese Reihenfolge ist für mich inzwischen wichtiger geworden als die Frage nach der Wahrheit eines Modells.

Modelle tragen zur Orientierung bei.

Sie sind aber nicht die Orientierung selbst.

Orientierung entsteht aus Beobachtungen, Erfahrungen, Modellen, Sprache, Dialogen und vielen weiteren Einflüssen.

Auf Grundlage dieser Orientierung werden Entscheidungen getroffen.

Erst danach wird gehandelt.

Das Handeln verändert manchmal die Welt.

Oft verändert es aber zunächst nur die eigene Orientierung.


Modelle als Werkzeuge

Vielleicht besteht der eigentliche Unterschied nur in der Perspektive.

Ich frage heute deutlich seltener:

Ist dieses Modell wahr?

Viel häufiger frage ich:

Hilft mir dieses Modell, mich besser zu orientieren?

Diese Frage ist bewusst pragmatisch.

Sie bedeutet nicht, dass Wahrheit unwichtig wäre.

Sie verschiebt lediglich den Schwerpunkt.

Ich kann durchaus nach Wahrheit streben und gleichzeitig anerkennen, dass ich in jeder konkreten Situation nur mit vorläufigen Modellen arbeite.


Eine offene Frage

Es ist gut möglich, dass ich das Gespräch zwischen Gert Scobel und Ulrich Ott an dieser Stelle missverstanden habe.

Vielleicht würden beide sagen, dass sie genau dies gemeint haben.

Vielleicht aber auch nicht.

Gerade deshalb veröffentliche ich diese Rekonstruktion.

Nicht als Gegenposition.

Sondern als Einladung zum Dialog.

Mich würde interessieren, ob der Unterschied zwischen einem wahren Modell und einem für Orientierung nützlichen Modell lediglich eine andere Wortwahl beschreibt – oder ob hier tatsächlich zwei unterschiedliche Auffassungen über die Rolle von Modellen im menschlichen Handeln sichtbar werden.

Unabhängig von der Antwort hat mir diese Irritation geholfen, meine eigene Arbeitsweise klarer zu verstehen.

Allein deshalb hat sich das Zuhören bereits gelohnt.