Portrait von Dieter Szegedi

Dieter Szegedi

Klarheit, Struktur und Entscheidungen im Kontext von KI und komplexen Systemen

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Wie ich Ehrenamt verstehe

Ein Ehrenamt verleiht keine Macht. Es überträgt Verantwortung.

Wer ein Amt übernimmt, erklärt sich bereit, für eine Aufgabe einzustehen – gegenüber den Menschen, die ihm diese Verantwortung anvertrauen, gegenüber denen, mit denen er zusammenarbeitet, und gegenüber dem Zweck, dem die Organisation dienen soll.

Deshalb beginnt für mich die Frage nach einem Amt nicht mit der Frage, wer es übernehmen soll.

Sie beginnt mit der Frage, wie diese Verantwortung wahrgenommen werden soll.

Welche Haltung erwarten wir voneinander? Wie wollen wir miteinander umgehen? Wie treffen wir Entscheidungen? Wie gehen wir mit unterschiedlichen Wahrnehmungen, mit Kritik und mit Fehlern um? Wie sorgen wir dafür, dass diejenigen, die von Entscheidungen betroffen sind, gehört werden? Und woran wollen wir erkennen, ob wir unserer Verantwortung gerecht werden?

Darüber sollte man sprechen können, bevor über Personen gesprochen wird.

Ein Amt braucht einen Maßstab

Wer Verantwortung übernimmt, sollte sagen können, woran sein Handeln gemessen werden darf.

Dieser Maßstab darf nicht erst durch denjenigen entstehen, der das Amt innehat. Sonst definiert das Amt seine eigenen Regeln.

Für mich gehören dazu einige einfache Grundsätze:

Ich möchte verstehen, bevor ich urteile.

Ich möchte unterschiedliche Wahrnehmungen sichtbar machen, statt vorschnell eine verbindliche Wirklichkeit festzulegen.

Ich möchte Entscheidungen dort ermöglichen, wo die notwendige Erfahrung und Verantwortung liegen.

Ich möchte Informationen nicht deshalb zurückhalten, weil sie unbequem sind, und sie nicht deshalb verbreiten, weil sie anderen schaden könnten.

Ich möchte Kritik nicht als Angriff behandeln, sondern zunächst als mögliche Information darüber, dass etwas anders wahrgenommen wird, als ich es wahrnehme.

Und wenn ich eine Entscheidung treffe, möchte ich erklären können, auf welcher Grundlage ich sie getroffen habe.

Das sind keine Regeln, die ich anderen auferlegen möchte. Es sind zunächst Maßstäbe, an denen ich mein eigenes Handeln messen lassen möchte.

Wahlen übertragen Verantwortung

Eine Wahl ist für mich deshalb mehr als die Besetzung eines freien Amtes.

Sie ist die Entscheidung, einem Menschen für eine bestimmte Zeit Verantwortung anzuvertrauen.

Dafür braucht es nicht zwingend mehrere Kandidaten.

Wenn gemeinsam hinreichend klar ist, welche Verantwortung übertragen wird, welche Haltung dabei erwartet wird und woran das Handeln später gemessen werden soll, kann auch die Wahl einer einzigen kandidierenden Person eine sinnvolle Entscheidung sein.

Entscheidend ist nicht die Zahl der Namen auf einem Stimmzettel.

Entscheidend ist, dass die Gemeinschaft nicht nur entscheidet, wer Verantwortung trägt, sondern auch eine Vorstellung davon besitzt, wie diese Verantwortung ausgeübt werden soll.

Fehlt diese Vorstellung, wird es schwierig.

Dann droht aus einem anvertrauten Amt ein Besitzstand zu werden. Entscheidungen legitimieren sich zunehmend daraus, dass diejenigen, die sie treffen, nun einmal im Amt sind. Und die Frage, ob ihr Handeln noch dem gemeinsamen Zweck dient, verliert ihren unabhängigen Maßstab.

Verantwortung ist keine Einbahnstraße

Wer ein Ehrenamt übernimmt, trägt Verantwortung.

Aber eine Organisation trägt ebenfalls Verantwortung dafür, dass diese Verantwortung wahrgenommen werden kann.

Sie muss Handlungsspielräume ermöglichen, Informationen zugänglich machen und Zusammenarbeit organisieren. Sie muss unterschiedliche Auffassungen aushalten können. Und sie muss Strukturen schaffen, in denen Probleme sichtbar werden dürfen, ohne dass bereits ihre Benennung als Störung verstanden wird.

Verantwortung zu übertragen, ohne die notwendigen Handlungsmöglichkeiten zu übertragen, funktioniert nicht.

Ebenso wenig funktioniert es, Verantwortung einzufordern und gleichzeitig den Maßstab dafür unausgesprochen zu lassen.

Führung bedeutet für mich nicht Gefolgschaft

Menschen, die Verantwortung übernehmen, werden nicht immer einer Meinung sein.

Das müssen sie auch nicht.

Eine Organisation wird für mich nicht dadurch handlungsfähig, dass alle dieselbe Sicht auf die Dinge entwickeln. Sie wird handlungsfähig, wenn unterschiedliche Wahrnehmungen nebeneinander bestehen können und trotzdem Entscheidungen möglich bleiben.

Führung bedeutet deshalb für mich nicht, andere von meiner Sicht zu überzeugen.

Sie bedeutet, Bedingungen zu schaffen, unter denen Menschen sich orientieren, Verantwortung übernehmen und gemeinsam handeln können.

Manchmal gehört dazu auch, die eigene Position infrage zu stellen.

Und manchmal kann verantwortliches Handeln bedeuten, ein Amt wieder abzugeben – nicht als Niederlage, sondern weil jemand anderes unter veränderten Bedingungen die Verantwortung besser übernehmen kann.

Ehrenamt ist für mich kein Selbstzweck

Am Ende ist jedes Amt nur ein Mittel.

Es existiert nicht, damit jemand Vorsitzender, Vorstand oder Funktionsträger sein kann.

Es existiert, weil eine Aufgabe erfüllt werden soll.

Deshalb möchte ich bei allem, was in einer Organisation geschieht, irgendwann zu einer sehr einfachen Frage zurückkehren können:

Wozu tun wir das?

Wenn wir darauf eine gemeinsame Antwort haben, können wir darüber sprechen, welche Strukturen wir brauchen, welche Verantwortung daraus entsteht und wer bereit und in der Lage ist, sie zu übernehmen.

Wenn wir darauf keine Antwort mehr haben, hilft uns auch die beste Geschäftsordnung nicht weiter.

So verstehe ich Ehrenamt.

Nicht als Position.

Sondern als Verantwortung, die Menschen einander für eine begrenzte Zeit anvertrauen.

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