Portrait von Dieter Szegedi

Dieter Szegedi

Klarheit, Struktur und Entscheidungen im Kontext von KI und komplexen Systemen

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Müssen wir aus Unsicherheit Dringlichkeit machen?

Kürzlich begegnete mir auf LinkedIn ein Beitrag über die Zukunft der Arbeit mit künstlicher Intelligenz. Die Anliegen darin waren vernünftig: verstehen, was gerade geschieht, realistische Handlungsoptionen finden und eine bessere Arbeitswelt gestalten.

Gleichzeitig war der Beitrag als “AI Wake-Up Call” gerahmt. Wir müssten jetzt handeln. Sechzehn Nobelpreisträger sowie führende Ökonomen und KI-Forscher wurden als Autoritäten aufgerufen. Als möglicher Ausgang stand einer besseren Arbeitswelt ein “Desaster” gegenüber.

Mich irritierte nicht das Anliegen. Mich interessierte die Form, in der es vorgetragen wurde.

Je größer die Unsicherheit darüber wird, was KI gesellschaftlich bewirken wird, desto größer scheint auch der kommunikative Druck zu werden, aus dieser Unsicherheit Dringlichkeit zu produzieren.

Vernünftige Anliegen, zugespitzte Form

Es ist sinnvoll, sich mit den Folgen künstlicher Intelligenz für Arbeit und Gesellschaft zu beschäftigen. Ebenso sinnvoll ist es, nicht erst dann nach Handlungsoptionen zu suchen, wenn alle Folgen bereits eingetreten sind.

Doch aus der Berechtigung eines Anliegens folgt noch nicht, dass jede kommunikative Rahmung hilfreich ist.

Die Verbindung aus Gefahr, Autoritätsbezug und Handlungsaufforderung erzeugt eine klare Bewegung:

Etwas Großes steht auf dem Spiel. Anerkannte Fachleute warnen. Deshalb müssen wir jetzt handeln.

Diese Bewegung kann Aufmerksamkeit schaffen und Menschen mobilisieren. Sie kann aber auch den Raum verengen, in dem wir überhaupt noch prüfen, was wir beobachten, welche Erklärungen tragen und worin unsere Unsicherheit besteht.

Was Dringlichkeit mit Unsicherheit macht

Unsicherheit ist schwer auszuhalten. Sie lässt mehrere Zukünfte zugleich möglich erscheinen und verweigert uns die Sicherheit, dass eine bestimmte Handlung die richtige sein wird.

Dringlichkeit bietet dafür eine vorläufige Ordnung. Sie setzt einen Schwerpunkt, verkürzt die Zahl der sichtbaren Optionen und macht aus einer offenen Lage eine Aufforderung.

Das ist nicht grundsätzlich falsch. In manchen Situationen ist schnelles Handeln notwendig. Doch Dringlichkeit ist kein Ersatz für ein Modell der Situation. Auch eine eindringliche Warnung beantwortet noch nicht, was genau geschieht, wodurch es geschieht und welche Handlung unter den gegebenen Bedingungen tatsächlich hilfreich wäre.

Der Verweis auf Autoritäten löst dieses Problem ebenfalls nicht. Die Einschätzung von Fachleuten kann wichtige Orientierung liefern. Je unsicherer und komplexer eine Entwicklung ist, desto weniger kann ihre Autorität jedoch die Prüfung der zugrunde liegenden Modelle ersetzen.

Ein anderes Vorgehen

Vielleicht könnten wir die Reihenfolge umkehren.

Nicht zuerst:

Gefahr → Autoritäten warnen → jetzt handeln

Sondern:

  1. Was beobachten wir eigentlich?
  2. Welche Modelle erklären diese Beobachtungen?
  3. Wo widersprechen sich diese Modelle?
  4. Worüber sind wir noch unsicher?
  5. Welche Handlungsoptionen ergeben sich trotzdem?

Diese Reihenfolge führt nicht notwendig zu weniger Handlung. Sie verändert aber die Grundlage, auf der gehandelt wird.

Handlungsfähigkeit unter Unsicherheit könnte bedeuten, vorläufige Entscheidungen zu treffen, ohne sie als endgültige Gewissheiten auszugeben. Wir können reversible Schritte bevorzugen, unterschiedliche Entwicklungen beobachten und Bedingungen festlegen, unter denen wir unsere Einschätzung ändern.

Unsicherheit auszuhalten heißt nicht, untätig zu bleiben

Der Wunsch nach genauerer Beobachtung lässt sich leicht als Zögern missverstehen. Doch zwischen Alarm und Abwarten liegt ein großer Raum.

In diesem Raum können wir Informationen sammeln, Modelle gegeneinander halten und zugleich handeln. Wir können Maßnahmen danach unterscheiden, wie dringend, wie reversibel und wie folgenreich sie sind. Wir können dort beginnen, wo mehrere plausible Modelle zu ähnlichen Schritten führen, und vorsichtiger werden, wo eine Entscheidung nur unter einer sehr bestimmten Annahme sinnvoll erscheint.

Gerade bei künstlicher Intelligenz scheint mir diese Fähigkeit wertvoll. Wir müssen nicht warten, bis jede Unsicherheit verschwunden ist. Das wird vermutlich nie geschehen. Wir müssen aber auch nicht so sprechen, als sei die Unsicherheit bereits durch eine Warnung entschieden worden.

Orientierung statt Entwarnung

Diese Überlegung ist keine Entwarnung. Sie behauptet nicht, dass künstliche Intelligenz harmlos sei oder dass kein Handlungsbedarf bestehe.

Sie richtet sich auch nicht gegen einzelne Personen, die mit Nachdruck auf mögliche Folgen hinweisen. Gegenstand ist eine Kommunikationsform, die sich in vielen Debatten beobachten lässt: Unsicherheit wird nicht offengehalten, sondern in Dringlichkeit übersetzt.

Vielleicht ist genau das manchmal notwendig. Vielleicht ist es manchmal hilfreich. Aber es sollte selbst Gegenstand unserer Prüfung bleiben.

Denn wenn wir unter Unsicherheit handeln müssen, brauchen wir nicht nur Entschlossenheit. Wir brauchen Formen der Orientierung, die es erlauben, Beobachtungen zu ergänzen, Modelle zu korrigieren und Entscheidungen zu verändern.

Die Fähigkeit, Unsicherheit eine Weile auszuhalten, ist dann kein Mangel an Handlungswillen.

Sie ist ein Teil vernünftiger Handlungsfähigkeit.

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