Warum ich beim VdK bin
Der Sozialverband VdK Deutschland hat mehr als 2,3 Millionen Mitglieder und mehr als 60.000 ehrenamtlich Engagierte. Seit mehr als 75 Jahren setzt er sich nach eigener Beschreibung für soziale Gerechtigkeit ein.
Ich bin einer dieser Menschen.
Und je länger ich mich im VdK engagiere, desto mehr beschäftigt mich eine eigentlich einfache Frage: Was für eine Organisation ist das, in der ich mich da engagiere?
Ein Teil unseres Sozialsystems
Ich begegne im VdK vielen Menschen, die ihr Berufsleben im Gesundheits- oder Sozialsystem verbracht haben. Menschen aus Pflege, Medizin, Verwaltung und anderen sozialen Berufen.
Viele von ihnen haben jahrzehntelang geholfen. Sie haben Verantwortung übernommen, Menschen gepflegt, versorgt, beraten und begleitet. Und viele wollen genau das im Ruhestand weiter tun.
Das verdient zunächst einmal meinen Respekt.
Gleichzeitig erlebe ich, wie schwer es sein kann, ein System grundsätzlich infrage zu stellen, dessen Teil man selbst lange gewesen ist. Kritik am Gesundheitssystem kann dann schnell wie Kritik an der eigenen Arbeit, vielleicht sogar an der eigenen Lebensleistung erscheinen.
Dabei können zwei Dinge gleichzeitig wahr sein: Ich kann mein Leben lang mit bestem Wissen und Gewissen Menschen geholfen haben. Und ich kann Teil eines Systems gewesen sein, das anderen Menschen nicht gerecht geworden ist.
Vielleicht sogar eines Systems, das manchen Menschen geschadet hat.
Das eine macht das andere nicht unwahr.
Die andere Seite
Im VdK begegne ich aber auch Menschen mit einer ganz anderen Geschichte.
Menschen, die krank geworden sind. Menschen mit Behinderungen. Menschen, die Angehörige pflegen. Menschen, die auf Sozialleistungen angewiesen sind oder jahrelang um Leistungen kämpfen mussten, von denen ihre Existenz abhängt.
Manche haben Dinge erlebt, über die man sich empören kann.
Und manche sind empört.
Auch das gehört für mich zum VdK.
Diese Menschen kommen nicht unbedingt mit der Sprache einer Verwaltung, einer Organisation oder eines Vorstandes. Manchmal kommen sie mit einem dicken Ordner. Manchmal mit einer Geschichte, die kaum zu sortieren ist. Manchmal wütend, verzweifelt oder misstrauisch.
Und manchmal bleiben sie damit erstaunlich allein.
Gerade das irritiert mich.
Denn wenn der VdK auch eine Organisation von Betroffenen ist, dann müssten doch gerade diese Erfahrungen für ihn von besonderem Wert sein.
Nicht weil Betroffene automatisch recht haben.
Sondern weil ihre Erfahrungen etwas zeigen können, was aus dem Inneren eines funktionierenden Systems kaum zu sehen ist.
Nähe ist wertvoll
Der VdK hat über Jahrzehnte Strukturen aufgebaut. Er hat Zugang zu Politik und Verwaltung. Auf kommunaler Ebene kennt man sich. Bürgermeister kommen zu Veranstaltungen, Abgeordnete halten Grußworte, Vertreter des VdK sitzen bei Empfängen und auf Podien.
Und natürlich entstehen dabei viele vollkommen harmlose Fotos.
Daran finde ich zunächst nichts problematisch. Im Gegenteil: Eine Interessenvertretung, die mit politischen Entscheidungsträgern sprechen kann, hat etwas erreicht.
Aber auch hier können zwei Dinge gleichzeitig wahr sein.
Nähe kann Einfluss ermöglichen.
Und Nähe kann es schwieriger machen, Distanz zu bewahren.
Gerade eine Organisation, die Menschen vertreten will, deren Erfahrungen mit bestehenden Institutionen schwierig sind, braucht vermutlich beides: Zugang zum System und Unabhängigkeit von ihm.
Was ist der VdK?
Vielleicht ist der VdK gerade deshalb nicht so einfach zu beschreiben.
Er ist ein großer Sozialverband mit professionellen Strukturen.
Er ist eine politische Interessenvertretung.
Er bietet Sozialrechtsberatung.
Er ist ein gewachsener Teil der deutschen Soziallandschaft.
Und gleichzeitig besteht er aus Millionen Menschen, von denen viele selbst erfahren haben, wie es ist, krank, behindert, pflegebedürftig oder auf Unterstützung angewiesen zu sein.
Daraus entsteht für mich eine Spannung, die sich nicht durch eine Satzung oder ein Leitbild auflösen lässt:
Ist der VdK vor allem eine Institution für Betroffene – oder eine Institution der Betroffenen?
Vielleicht muss man sich gar nicht für eine der beiden Antworten entscheiden.
Aber ich halte es für wichtig, den Unterschied wahrzunehmen.
Denn eine Organisation kann hervorragend funktionieren, gesellschaftlich anerkannt sein, gute Kontakte pflegen und vielen Menschen helfen – und trotzdem Gefahr laufen, gerade diejenigen immer schlechter zu hören, deren Erfahrungen unbequem werden.
Und umgekehrt reicht Empörung allein nicht aus, um eine Organisation zu tragen oder politische Veränderungen zu erreichen.
Beides braucht einander.
Vielleicht liegt genau darin für mich ein wesentlicher Teil dessen, was den VdK ausmacht – und dessen, worum es sich zu ringen lohnt.
Ich bin Mitglied dieses Verbandes. Ich engagiere mich in ihm.
Und deshalb möchte ich verstehen, was ich dort erlebe.